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 08.10.2017

Stromproduktion

Weniger Importe dank mehr Wasserkraft

Statt weniger braucht es mehr Wasserkraft. Durch höhere Staumauern könnten 2.5 Milliarden Kilowattstunden Strom zuätzlich produziert werden. Importstrom im Winter würde dadurch teilweise überflüssig.

Entgegen der landläufigen Meinung von der zu teuren Wasserkraft fordert der an der ETH Lausanne lehrende Anton Schleiss «mehr davon». Durch die Erhöhung der bestehenden Staumauern könnten 2,5 Mrd. kWh Strom zusätzlich erzeugt werden. Damit wäre der Winterstromimport in 7 der letzten 15 Jahre für die Schweiz vermeidbar gewesen.

Neue Speicherseen gefordert
Um die Ziele der Energiestrategie 2050 mitzutragen, insbesondere, um mehr Winterenergie durch die ohnehin abschmelzenden Gletscher zu gewinnen, fordert Schleiss für den Zeitraum 2050 neue Speicherseen. Um die Stromschwankungen am europäischen Strommarkt auszugleichen, setzt Anton Schleiss auf eine Flexibilisierung der Wasserkraft: Durch zusätzliche Triebwassersysteme der bestehenden Anlagen könnten 1800 bis 3500 Megawatt Leistung ans Netz gebracht werden. Es wäre eine Verdopplung der Kapazität, eingerechnet des Pumpspeicherprojekts Linth-Limmern sowie der für 2019 geplanten Inbetriebnahme von Nant de Drance. Der Schweiz würde dies weitere Stromreserven in Form von Speicherseen ermöglichen. Für Schleiss gilt als sicher, dass durch die Ablösung der fossilen Energieträger Erdöl und Erdgas der Strombedarf steigen wird. Dies ist auch ein offizielles energiepolitisches Ziel der Energiestrategie 2050.

Reserven nötig
Andererseits erfordert der europäische Zubau von Wind- und Sonnenenergie eine angemessene Muskelmasse, sprich Grosskraftwerksreserven, die in Zeiten sogenannter «Dunkelflauten», also wenn es Nacht ist und kein Wind bläst, so machtvoll einspringt, dass in Grossstädten das Licht nicht ausgeht. Zusätzlich könnte man mit den neuen Reserven in den Alpen auf eine neue Art Strom handeln in Form von Kapazitätsreserven.

Die Reserven würden in einem volatilen Stromnetz schnell an Wert gewinnen. Pumpspeicherkraftwerke sind die tanzenden Riesen im europäischen Versorgungswerk, so der Verband europäischer Übertragungsnetzbetreiber, Entso-E. In Zeiten von Stromüberschüssen saugen sie Leistung aus dem Netz wie Staubsauger: indem gigantische Pumpen Wasser aus tief gelegenen Speicherbecken in die nächst höheren befördern. Wenn plötzlich die Nachfrage nach Elektrizität anschwillt und konventionelle Kraftwerke zu wenig schnell ans Netz kommen, können die dicht mit Turbinen gepackten Allzweckwaffen der Stromindustrie innert Minuten Energie ans oszillierende Leitungsnetz abgeben und dieses stabilisieren.

Wasserkraft: Rückgrat der Stromversorgung
Was darüber hinaus wenigen bekannt ist: Die Wasserspeicher tragen bereits rund die Hälfte zur landesweiten Strom- erzeugung bei, etwa gleich viel stammt aus den Flusskraftwerken. Insgesamt werden 35 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr Elektrizität aus Wasserkraft er- zeugt oder 54 Prozent der durchschnitt- lichen Landesproduktion, die andere Hälfte stammt aus den fünf Atomkraftwerken.

Was für ein machtvolles Instrument die Pumpspeicher sind, zeigte sich 1997 bis 2001, als die Wasserkraftbesitzer mit ein paar hundert Megawatt aus alten Kraftwerken Jahr für Jahr Milliardengewinne aus dem europäischen Stromhandel einfuhren - zuvor hatten die Eigentümer, nicht unähnlich heute, über NAI, «nicht amortisierbare Investitionen», in Milliardenhöhe geklagt. Ob die neuen Pumpspeicherkraftwerke Linth Limmern und Nant de Drance je Gewinne wie in der Vergangenheit generieren werden, ist aber ungewiss.

Treibstoff der Zukunft
Klar ist, darauf weist Axpo-Chef Andrew Walo hin, dass die neuen Anlagen bis zum Ablauf ihrer Wasserrechtskonzession Zeit haben, das Geld wieder hereinzuspielen, das ihnen von den Gewässereigentümern überlassen wird. Im Fall Linth-Limmern geht diese Frist bis 2096. Am Hauptsitz der Axpo in Baden rechnet man mit einer Produktionsaufnahme Anfang nächsten Jahres, wenn Linth- Limmern als eines der flexibelsten Kraftwerke der Welt in kommerziellen Betrieb geht. Anton Schleiss ist  überzeugt: «Wasserkraft ist der Treibstoff der Zukunft» - bis dahin gilt es durchzuhalten. (Quelle: NZZ am Sonntag)

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