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 03.12.2017

Netzkosten

Munter sprudeln die Monopol-Millionen

Die Schweizer Stromversorger klagen zu unrecht. Ihnen geht es gut. Mit ein Grund: Für das Stromnetz kassieren sie Millionen. Die Schweizer Netzkosten sind sehr viel höher als in der EU.

Auch wenn sich die Schweizer Stromunternehmen seit Jahren beklagen: Den meisten geht es blendend. Eine Studie des Bundes zeigte kürzlich, dass fast alle Stromfirmen in den letzten sechs Jahren Gewinne schrieben. Einzig den Stromriesen Axpo und Alpiq geht es schlecht. Bei den kleineren Versorgern stieg der Reingewinn zwischen 2007 und 2016 sogar an.

Nur Belgien ist teurer
Ein Grund dafür ist, dass die rund 650 Schweizer Stromversorger im Verteilnetz Millionen kassieren. Das belegt eine im Auftrag eines Schweizer Energieunternehmens erstellte Studie, die der «NZZ am Sonntag» vorliegt. Die Studie zeigt zwar, dass die Schweiz im europaweiten Vergleich tiefe Strompreise hat. Das liegt aber vor allem daran, dass die öffentliche Hand vergleichsweise tiefe Abgaben erhebt.

Bei den Tarifen der regionalen und lokalen Elektrizitätswerke für das Stromnetz sieht die Situation dagegen anders aus. Diese sind, verglichen mit den Ländern der soge-nannten EU-15, nach Belgien am höchsten. Im Schnitt liegen die Schweizer Netzkosten 50% über jenen der untersuchten Länder. In Österreich liegt der Tarif für die Verteilnetze fast ein Drittel tiefer als in der Schweiz. Ein durchschnittlicher Haushalt bezahlt hier im Jahr 920 Fr. für den Strom. Lägen die Netztarife auf österreichischem Niveau, wären es 130 Fr. weniger.

Die von Eurostat ausgewiesenen Netztarife liegen erst bis 2016 vor. Zudem verwenden die Schweiz und die EU unterschiedliche Methoden für die Erhebung der Tarife. Das macht einen Vergleich nicht ganz einfach, ändert aber nichts an der Erkenntnis, «dass die Schweiz bei den Netzkosten eine Spitzenposition einnimmt», wie Rene Baggenstos vom Energiedienstleister Enerprice sagt. Henrique Schneider, stellvertretender Direktor des Gewerbeverbands, hält die Stromnetzpreise in der Schweiz für zu hoch. Das Problem sieht er bei den gesetzlichen Grundlagen. «Unsere Regulierung zwingt die Stromverteiler nicht dazu, effizienter zu werden oder Effizienzgewinne den Kunden weiterzugeben.» Die Folge: Viele Verteilunternehmen hätten beispielsweise grosse Verwaltungsabteilungen.

Regulator hat keinen Biss
In der Schweiz gibt es ähnlich viele Versorger wie im zehnmal grösseren Deutschland. Laut Patrick Dümmler von der Denkfabrik Avenir Suisse würde nur schon eine tiefere Anzahl Verteilunternehmen «das System grundsätzlich effizienter machen». Konsumentenschützerin Sara Stalder sagt, der Strommarktaufsicht ElCom seien oft die Hände gebunden. Ihr eingeschränkter Handlungsspielraum zeige ein grundsätzliches Problem auf: «Unsere Gesetzgebung gesteht Regulatoren keine oder zu wenig Durchsetzungskraft zu».

Laut Studie investierten die Verteilnetzbetreiber in den letzten Jahren massiv. Dies, obwohl die Versorgungssicherheit hoch und der Stromkonsum stabil ist. Auch der Anteil unregelmässig anfallender und damit schwieriger zu beherrschender Wind- und Solarenergie wuchs kaum. Rene Baggenstos sieht den Grund für den stetig wachsenden Wert des Netzes anderswo. Weil das Stromnetz ein Monopol ist, hat der Gesetzgeber eine gesetzliche Rendite festgelegt. Die Besitzer haben kein Interesse daran, ihr Netz abzuschreiben. «Die Rendite wird auf dem Wert des Net-zes berechnet», erklärt Baggenstos. «Je höher dessen Wert, desto höher die Netztarife.» Die Folge sei, dass zu viel investiert und das Netz vergoldet werde.

Anreiz zum Investieren
Die Aufsichtsbehörde entgegnet, die hohen Investitionen seien aus Sicht der Versorgungssicherheit positiv. «Der umgekehrte Fall würde uns mehr Sorgen ma- chen», sagt Renato Tami, Geschäftsführer der Strommarktaufsicht ElCom. Das heutige Gesetz gebe aber «einen gewissen Anreiz», möglichst viele Leitungen zu bauen. Die ElCom habe ein Auge auf diese Problematik. Laut Tami sind die Preisunterschiede zum Ausland erklärbar. Halte man sich das höhere Preis- niveau in der Schweiz vor Augen, sei die Differenz zu den deutschen Tarifen «marginal». Den Unterschied zu Österreich führt er auf die durch die dortige Politik vorgegebene strengere Regulierung zurück. In Österreich gilt die sogenannte Anreizregulierung. Sie gibt den Netzbetreibern Effizienzziele vor. Die ElCom will bei der Politik ebenfalls eine Gesetzesanpassung erreichen. Sie möchte künftig Kennzahlen der Netzbetreiber veröffentlichen. Durch die Publikation entsteht laut Tami «grosser Druck», weil die Tarife für jedermann vergleichbar werden. (Quelle: NZZ am Sonntag)

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