News

 

Neuigkeiten, Wissenswertes, Spannendes und Erhellendes kurz zusammengefasst.

 06.05.2018

Deutschland

Warnung vor Kraftwerkssterben

Der deutsche Verband der Energie- und Wasserwirtschaft warnt vor einer Stromlücke im Jahr 2023. Grund: Gaskraftwerke werden nicht gebaut, welche die volatile Produktion der Erneuerbaren kompensieren sollten.

Deutschland macht vorwärts. Ende 2022 stellt es seine drei letzten Atomreaktoren ab. Doch nicht nur das: In den kommenden Jahren werden zahlreiche Kohlekraftwerke schliessen, weil sie unrentabel sind. Diese Lücke sollten ursprünglich Gaskraftwerke kompensieren. Doch die Preise an den Strombörsen sind so tief, dass die Investoren zurückschrecken. Viele Anlagen werden später gebaut. Oder gar nie.

Jetzt warnt der deutsche Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) vor den Risiken des beschleunigten Kraftwerksterbens. Die heute bestehenden Überkapazitäten werden in wenigen Jahren nicht nur vollständig abgebaut sein. «Vielmehr laufen wir sehenden Auges spätestens im Jahr 2023 in eine Unterdeckung bei der gesicherten Leistung», warnt Stefan Kapferer, Vorsitzender der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Bis anhin bildeten die fossilen Kraftwerke eine zuverlässige Reserve, wenn Windräder oder Solarpanels wegen ungünstiger Wetterverhältnisse nur wenig produzierten, denn man kann sie praktisch jederzeit anwerfen. Dieser Puffer wird nun sukzessive abgebaut.

Viermal mehr Stilllegungen
Der BDEW fasst die Entwicklung in Zahlen: Bis 2023 wird zwar eine Kraftwerkskapazität von 4,4 Gigawatt (GW) erstellt. Dem gegenüber steht aber eine lange Liste von absehbaren oder bereits erfolgten Stilllegungen. Sie ist mit 18,6 GW fast viermal so gross. Damit sinkt die konventionelle Kraftwerkskapazität von knapp 90 GW auf 75,3 GW im Jahr 2023. Und damit, so die Rechnung des BDEW, liegt die Kapazität deutlich unter der von der Bundesnetzagentur errechneten höchsten Stromnachfrage in Deutschland, der sogenannten Jahreshöchstlast: Sie soll zu Be- ginn der 2020er Jahre etwa 81,8 GW betragen. Es entstehe eine Lücke von ungefähr 6,5 GW. Zur Illustration: Das entspricht ungefähr der Leistung von sechs Kernkraftwerken in der Grösse von Gösgen.

Es sei nicht sicher, ob Speicher und andere Massnahmen diese Lücke schliessen könnten, warnt der Verband. Zwar wächst die Kapazität der erneuerbaren Energien, doch ihre Produktion ist vom Wetter abhängig. Auf internationale Hilfe kann Deutschland bei Engpässen nicht hoffen. «Auch im EU-Ausland wird gesicherte Leistung in Form konventioneller Kraftwerke abgebaut. Die Zeiten, in denen sehr viel Strom nachgefragt wird, sind in Mitteleuropa nahezu deckungsgleich», warnt Stefan Kapferer.

Die Berliner Denkfabrik Agora Energiewende relativiert das Problem. Die Flexibilität der Marktteilnehmer werde nicht eingerechnet, heisst es da. Zudem könne die Leistungsbilanz nicht rein national betrachtet werden. Die Experten räumen aber ein, dass sich diese Entwicklung auf die Ausfuhren niederschlagen könne und damit auch auf den Stromverkauf in die Schweiz. «Tendenziell werden die Exporte von Strom aus Deutschland sinken, wenn das Angebot abnimmt, und die Preise dadurch steigen», erwartet Frank Peter, der stellvertretende Direktor von Agora Energie- wende. Problematisch werde es beim Phänomen der «kalten Dunkelflaute»: Dann ist der Himmel bedeckt, kein Wind weht, gleichzeitig steigt aber die Energienachfrage wegen der Kälte. Das könne zwischen Januar und März in Deutschland auftreten, vor allem in den Wintermonaten Januar und Februar.

Die Schweiz setzt nun allerdings ausgerechnet im Winter auf Importe, unter anderem aus Deutschland. Der Atomausstieg wird den Bedarf noch erhöhen. Stromriese Axpo warnte im letzten Geschäftsbericht, das Problem im Winter spitze sich zu, es könne «heute oder morgen» zum Blackout kommen. Die eidgenössische Elektrizitätskommission will nicht Stellung dazu nehmen, welche Folgen der vom BDEW aufgezeigte Kraftwerksabbau auf die Schweiz haben könnte. Die Regulatorin steckt mitten in einer eigenen Analyse zur Versorgungssicherheit, die sie Ende Mai vorlegen will. Das Bundesamt für Energie (BfE) äussert sich dagegen kritisch zur Studie des deutschen Strombranchenverbandes. «Bekanntlich haben die Branchenverbände vor 15 Jahren vor der Stromlücke gewarnt. Heute beklagen sie die Winterstromlücke», sagt Sprecherin Marianne Zünd.

Das ganze System betrachten
Analysen wie jene des BDEW sagen laut Zünd nichts über die Versorgungssicherheit aus. «Es muss das gesamte System, also Netze, Produktion und Verbrauch, betrachtet werden.» Das BfE publizierte 2017 eine solche Studie, die auch Extremszenarien rechnete. Etwa solche, bei denen Nachbarländer nukleare und thermische Kraftwerke rascher abschalten und die Erneuerbaren zügiger ausbauen, als sie es derzeit planen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Schweiz bis 2035 «kein signifikantes Versorgungssicherheitsproblem haben wird, solange die Schweiz im europäischen Strommarkt integriert ist», sagt Zünd. Und sie weist darauf hin, dass in einer laufenden Gesetzesrevision ohnehin eine zusätzliche Speicherreserve für die Schweiz vorgesehen ist. Für Dominik Wipfli vom Energieberatungsunternehmen Ompex illustriert die Diskussion den Übergang von der alten in die neue Energiewelt. Früher galt: Die Stromfirmen bauten genug Kraftwerke, um die Zeiten deshöchsten Verbrauchs abzudecken, und belas- teten die Kosten dem Verbraucher. Heute ist der Markt offen. «Diesen Markt sollten wir jetzt spielen lassen. So können Preissignale entstehen, die den Bau von neuen Kraftwerken attraktiv machen», sagt Wipfli.

Diese Preissignale sind wichtig, weil sie dafür sorgen, dass in Zukunft die richtige Art von Kraftwerken gebaut wird. Nämlich solche, die darauf reagieren können, dass die Stromproduktion wegen der zunehmenden Verbreitung von Solar- und Windkraftanlagen stark schwanken kann. Damit werden Kraftwerke interessant, die rasch einspringen können. Das werden künftig insbesondere Gas- und Pumpspeicherkraftwerke sein. Eine Stromknappheit befürchtet Wipfli nicht. (Quelle: SonntagsZeitung)

zurück