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 07.10.2018

Stromversorgung

Wenn erneuerbarer Strom nicht ausreicht?

Wenn der Wind nicht bläst und Europas Himmel wolkenbedeckt ist, liefern Solar- und Windanlagen kaum Strom.

Woher kommt der Strom, wenn weder der Wind bläst noch die Sonne scheint? Hans Büttiker, langjähriger Direktor der Baselbieter Stromversorgerin Elektra Birseck und einflussreicher Verwaltungsrat des Stromkonzerns Alpiq, beantwortete die Frage nach der Versorgungssicherheit in einer sogenannten Dunkelflaute recht früh: Die EBM kaufte sich 2009 ins Steinkohleprojekt Brunsbüttel in Norddeutschland ein. Das war Teil einer «Sowohl-als-auch»-Strategie. Daneben investierte Büttiker aber auch in Windenergie in Spanien und Solarstromanlagen auf Sizilien. «Wir sind eben ehrlicher zu unseren Kunden als andere», entgegnete er den Kritikern seines Kohle-Engagements. Noch heute macht er kein Hehl aus seinen damaligen Über- zeugungen.

Schillernder Kampfbegriff
Der Begriff Dunkelflaute hat sich seit einigen Jahren zum schillernden, in ganz unterschiedlichen Kontexten benutzten Kampfbegriff der energiepolitischen Lager gemausert. Vor wenigen Wochen stellte der unabhängige deutsche Ökostromversorger «Greenpeace Energy» eine Studie zum Thema vor. In der Schweiz prognostizierte Anfang September die Buchveröffentlichung «Versorgungssicherheit» künftige Strommangellagen und Blackouts - auch wegen der Dunkelflaute. Verfasst haben die Beiträge mehrheitlich pensionierte Energieexperten, darunter die Ökonomen Silvio Borner und Eduard Kiener, der frü- here Direktor des Bundesamtes für Ener-gie (BFE). Sie empfehlen als probates Gegenmittel ein neues Gaskraftwerk.

Der Streit um Versorgungssicherheit unter Experten ist so alt wie die Elektrifizierung. Wenn 1898 das Dorfbächlein austrocknete und die Glühlampen zu flackern begannen, heizte das Elektrizitätswerk der Stadt Aarau sein mit Kohle befeuertes Lokomobil ein. In den fünfziger Jahren fuhren die Strombarone im Land für die sogenannten Nachfragespitzen ihre stationären Dieselmotoren an: Wenn die Dieselfahne durch die Direktionsbüros zog, war alles gut. Um sich bei nationalen Stromausfällen gegenseitig zu helfen, wurde das europäische Stromnetz errichtet. Erst dessen Bau erlaubte den abgesicherten Betrieb grosser Zentralen wie Atomkraftwerken, wie eine Festschrift der Elektrizitäts-Gesellschaft Laufenburg  EGL) festhält. Auf dieser Basis entwickelte sich die EGL zur Spezialistin für den internationalen Stromhandel und prägte den Ausdruck «Stromdrehscheibe Schweiz».

2005 postulierte der damalige Axpo-Chef Heinz Karrer die «Stromlücke» - die Versorgungslücke, die bis heute ausgeblieben ist. So gesehen ist die «kalte Dun- kelflaute» nur ein neuer Aspekt des komplexen Geschäfts mit der Stromversor- gung, wie Beobachter anmerken. Was heisst die kalte Dunkelflaute für die Schweiz genau, und wann würde sie stattfinden? Die neuste Studie zum Thema von der Forschungsstelle Energienetze der ETH Zürich und der Forschungsstelle Nachhaltige Energie- und Wasserversorgung der Universität Basel ging der Frage nach. Das Bundesamt für Energie stellte sie im Februar vor. Die «Versorgungssicherheit der Schweiz ist auch in Zukunft zumeist als unkritisch einzustufen», heisst es.

Diese Haltung machte sich Energieministerin Doris Leuthard zu eigen. Versorgungskritische Situationen entstünden nur dann, wenn es in allen Nachbar- ländern - zum Beispiel durch eine «kalte Dunkelflaute - zu deutlich reduzierter Erzeugungskapazität in den Nachbar- ländern komme. Die über 40 Anschlüsse der Schweiz ans europäische Stromnetz, so Bundesrätin Leuthard, seien die beste Versicherung der Schweiz gegen Stromknappheiten im einen oder anderen Land.

Für grössere Szenarien und Prognosen über die europäischen Energiemärkte hinweg, insbesondere über zehn Jahre und mehr, fehlen in der Schweiz die exakten Grundlagen. Die letzten grossen Modellierungen für das Energiesystem wurden 2008 vom Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos für die Energieperspektiven des Bundesrates angefertigt und 2012 für die Energiestrategie 2050 teilweise aktualisiert. Seither gibt es in der Schweiz keine neue grosse Systemanalyse mehr, wie sie etwa in Deutschland stets aktualisiert wird. Dabei haben sich wichtige Parameter der Energiedebatte geändert und müssten angepasst werden. So sind etwa die Auswirkungen neuer Technologien wie Power-to-Gas zu berücksichtigen. Oder die Windenergieversorgung muss stärker gesamteuropäisch gedacht werden, wenn sie zur Versorgungssicherheit beitragen soll.

Kontroverse Debatten
Der Mangel an Zahlen spiegelt sich in der kontroversen Debatte in der Schweiz über die Versorgungssicherheit: Als Kronzeuge der Machbarkeit einer Schweiz, die mit Solar- und Windenergie und ohne fossile Energieträger wie Erd- gas und ohne Atomstrom funktioniert, dienen derzeit die Berechnungen des Computerspezialisten Anton Gunzinger, der mit seiner Studie «Kraftwerk Schweiz» Furore machte. Im Expertenstreit spielen aber Zahlen die entscheidende Rolle, und wie man sich darüber unterhält. Eine 2012 von Prognos für das Bundesamt für Energie angefertigte «Sensitivitätsanalyse Photovoltaik», mit den letztgültigen offiziellen Zahlen, kommt zu einem etwas anderen Schluss. Ein weiterer Zubau von Solarenergie bis 2029 ohne die dann abzustellenden Atomkraftwerke sei nur mit einem Gaskraftwerk oder «signifikant höheren Importen» machbar.

Welche Auswirkungen eine «kalte Dunkelflaute» auf die Schweiz dann hätte, bleibt heute völlig unklar. Mindestens bis das Bundesamt für Energie eine neue Analyse des nationalen und internationalen Energiesystems vorlegt. (Quelle: NZZ am Sonntag)

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