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 02.06.2019

Energiewende

Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke

Der Bund geht in der Planung neuerdings davon aus, dass Kraftwerke 60 statt 50 Jahre betrieben werden. Somit bliebe das letzte AKW bis zum Jahr 2044 am Netz.

Plötzlich rückt der Atomausstieg wieder in weite Ferne: In den neuen Szenarien für die Energiezukunft der Schweiz rechnet der Bund nicht mehr mit 50-jährigen Laufzeiten für die AKW, sondern stellt neu auch 60 Jahre zur Disposition. Beim zuständigen Bundesamt für Energie heisst es, man habe nicht bei 50 Jahren bleiben können, weil man sonst «die Realität ausblendet, da zumindest eines der Werke diese Laufzeit bereits überschritten hat». Gemeint ist das AKW Beznau, das bald sein 50-jähriges Bestehen feiert und noch immer in Betrieb ist.

Die Änderung bedeutet eine Abkehr von dem, was bisher galt. «Der Bundesrat hat immer gesagt, er rechne mit 50 Jahren», erklärte im Dezember 2014 die damalige Energieministerin Doris Leuthard während der Debatte zur Energiepolitik 2050 im Nationalrat. Zwar gibt es für die Kernkraftwerke keine fixen Laufzeiten. Es gilt der Grundsatz, dass die Reaktoren so lange aktiv bleiben dürfen, wie sie sicher betrieben werden können. Doch selbst die Betreiber gingen vor der Atomkatastrophe von Fukushima davon aus, dass nach 50 Jahren Schluss ist. Dies hätte bedeutet, dass Leibstadt als jüngste Anlage 2034 vom Netz gehen müsste.

Doch inzwischen hat die Realität die Energiewende eingeholt: Ausser der BKW, die dem AKW Mühleberg aus wirtschaftlichen Gründen Ende Jahr den Stecker zieht, denkt keine der Betreiberfirmen ans Aufhören. Geht es nach dem Willen der Betreiberin Axpo, soll auch Beznau noch länger laufen. Vor dem Hintergrund der Klimakrise plädiert der Konzern für längere Betriebszeiten. So schreibt Axpo in der Firmenzeitschrift, zehn weitere Jahre würden der Schweiz mehr Zeit geben für den Aufbau der erneuerbaren Energien. «Dies macht die Kernenergie zur zentralen Brückentechnologie der Energiestrategie 2050.»

Das sieht Felix Nipkow von der atomkritischen Energiestiftung anders: Wenn die Politik beim Ausbau der erneuerbaren Energien die Bremse löste, könnten die AKW in 10 bis 15 Jahren ersetzt werden, sagt er: «60 Jahre Laufzeit wäre ein weltweit einmaliges und gefährliches Langzeitexperiment, bei dem ich lieber nicht dabei sein möchte.» Selbst der Bau neuer AKW kommt zurück aufs Tapet. Zwei FDP-Delegierte haben für die Versammlung vom 22. Juni einen Antrag vorbereitet. Darin fordern sie, dass die Partei neue Atomkraftwerke in ihr neues Klima-Positionspapier aufnimmt.
(Quelle: NZZ am Sonntag)

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