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 05.06.2019

Klimapolitik

Kohle: Verlagerung satt Ausstieg

Der Ausstieg Deutschlands aus der Kohle könnte klimapolitisch wirkungslos sein. Er dürfte durch Importe von Kohle- und Atomstrom aus Polen ersetzt werden.

Auch wenn noch nicht Gesetz, ist Deutschlands Ausstieg aus der CO2-intensiven Kohleverstromung beschlossene Sache. So gilt als ausgemacht, dass die Bundesregierung den zu Jahresbeginn gefassten Beschlüssen der Kohlekommission folgt und spätestens Ende 2038 der letzte Meiler vom Netz geht. Der Druck von Freitagsdemonstranten könnte den Prozess noch beschleunigen.

Doch gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht. Statt CO2 zu reduzieren, könnte der geplante Kohleausstieg die Emissionen erhöhen - und sich klimapolitisch als wirkungslos erweisen. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in einem aktuellen Aufsatz für die Zeitschrift «Energiewirtschaftliche Tagesfragen». Zu den Autoren gehört der Ökonom Ottmar Edenhofer, der die Bundesregierung berät.

Hintergrund ist, dass der deutsche Energiesektor eingebettet ist ins europäische Stromnetz und für jede ausgestossene Tonne CO2 Zertifikate im europäischen Emissionshandel erwerben muss. Deren Gesamtmenge ist festgelegt und sinkt bis 2030 um 43 Prozent im Vergleich zu 2005. Das Problem: Die Zertifikate sind in ganz Europa handelbar. Folglich kann RWE Zertifikate an polnische Kraftwerksbetreiber verkaufen, wenn es seine Meiler auf politische Anordnung abschalten muss. Der CO2-Ausstoss wird also bloss verlagert. Der deutsche Kohleausstieg reduziere die Nachfrage nach Zertifikaten und damit deren Preis, erklären die Potsdamer Autoren.

Für alle Akteure in den vom (Emissionshandel) erfassten Sektoren im In- und Ausland wird es also billiger, zusätzliche Emissionsrechte zu erwerben. Das wiederum führt zu mehr Emissionen. Auch die jüngste Reform, die eine Löschung vorrätiger Zertifikate bewirkt, schaffe keine Abhilfe gegen den Preisverfall. Die am Markt verbleibenden Kraftwerksbetreiber freuten sich doppelt. Denn sie steigerten zudem die Auslastung ihrer Anlagen und fänden für ihren Kohlestrom dankend Abnehmer. Unterm Strich könnte in Europa also wieder mehr Kohle verfeuert werden (Re-bound-Effekt), erst recht, wenn der Strompreis durch die Angebotsverknappung und die Stromnachfrage durch die Elektrifizierung des Verkehrs stiegen.

Das Fazit der Autoren: Nötig seien deshalb ein Mindestpreis für CO2, bestenfalls im Emissionshandel, oder die nationale Löschung von Zertifikaten. Schon kurz nach Einigung der Kohlekommission errechnete das Ifo-Institut, dass der deutsche Kohleausstieg teils durch Importe von Atom- und Kohlestrom aus Polen und Tschechien ausgeglichen werden dürfte. Viele Ökonomen sprachen von purer Symbolpolitik.
(Quelle: Frankfurter Allgemeine)

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