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 02.08.2019

Übertragungsleitung

Strommangel für Schwedens Städte

Schweden produziert zwar genügend Strom, doch die Übertragungskapazitäten zu den Verbrauchern sind ungenügend. Den Städten droht ein Strommangel.

Die Grossbäckerei Pagen möchte grössere Brötchen backen. Die Bäckerei im südschwedischen Malmö plant einen Ausbau der Kapazitäten von 85'000 auf 120'000 Tonnen Brot. Doch die Expansion stösst auf unerwartete Hindernisse, wie die Geschäftsleitung erfahren musste: Die Energiegesellschaft Eon erklärte nämlich, dass sie den zusätzlichen Elektrizitätsbedarf nicht garantieren könne. Zu wenig Kapazität. «Unglaublich», kommentierte Pagen-Chef Anders Carlsson Jerndal den Bescheid gegenüber Medien. «Dass Strommangel Investitionen hemmt, kann in Entwicklungsländern vorkommen, aber nicht in reichen Industrieländern.»

Engpässe in der Übertragung
Der Bäckereikonzern - einer der grössten privaten Arbeitgeber der Stadt - ist nicht das einzige Unternehmen, das über die Stromversorgung beunruhigt ist. Der Baukomponentenhersteller Lindab etwa entschied sich gegen eine Expansion in Südschweden und baute in den vergangenen Jahren in Dänemark, Deutschland und Estland neue Kapazitäten auf. Hinter dem absehbaren Strommangel in der Region Malmö stecken Engpässe in der Übertragungskapazität.

Schweden produziert eigentlich genug Energie, um das ganze lange Land zu versorgen. Das Gros der Wasserkraftwerke, die wie die Kernkraft rund 40% der Gesamtenergie produzieren, ist jedoch im Norden angesiedelt, weshalb die Elektrizität über das Stammnetz in die übrigen Landesteile transportiert werden muss. Genau hier ist der Haken: Die «Energieautobahn» in Richtung Süden ist zu eng dimensioniert für die stetig steigende Nachfrage der Grossstädte. Dies führt zu grossen regionalen Unterschieden. An windstillen Tagen kann der Strom im Süden zeitweise doppelt so teuer sein wie im Norden.

Stockholm lechzt nach Strom
Neben Malmö sind auch Stockholm und die umliegende Region Mälardalen betroffen. Schwedens Hauptstadt gehört zu den am kräftigsten wachsenden Städten Europas. Laut Prognosen der Handelskammer wird deren Bevölkerung in den kommenden zehn Jahrenum ein Zehntel steigen, die Zahl der Wohnungen um 30'000. Ein Dutzend neuer U-Bahn-Stationen, die grossflächige Umfahrung für den Durchgangsverkehr, neue energieintensive Industrien, die zunehmende Digitalisierung sowie die Elektrifizierung im Strassenverkehr erhöhen den Strombedarf zusätzlich. Experten befürchten bereits ab 2021 Engpässe.

Beim nationalen Übertragungsnetzbetreiber Svenska Kraftnät ist man sich des Problems bewusst, allerdings noch nicht sehr lange. Nach Angaben der schwedischen Behörde gibt es erst seit zwei bis drei Jahren Warnsignale für drohende Energieengpässe. Derzeit ist landesweit eine umfassende Modernisierung des Netzes im Gang, das zu den ältesten der Welt gehört; rund 3'500 Kilometer Leitungen müssen ersetzt werden, zudem sind die Kapazitäten des Hochspannungsnetzes um ein Fünftel erhöht worden.

Ein weiterer Ausbau würde wegen der langwierigen Bewilligungsprozesse Jahre in Anspruch nehmen. Eon prognostiziert, dass der Süden des Landes erst ab 2028 wieder ausreichend mit Strom beliefert werden kann. Der Energieproduzent steht jedoch auch selber in der Kritik, nachdem er überraschend bekanntgegeben hat, im Heizkraftwerk in Malmö ab August nur noch Fernwärme, aber keine Elektrizität mehr
zu produzieren. Damit fällt ein Sechstel des Strombedarfs der Region Schonen weg.

Der deutsche Energiekonzern macht die schwedische Regierung für die abrupte Massnahme verantwortlich: Deren Beschluss vom April, die Steuern auf Energie aus nicht erneuerbaren Quellen «schockartig» zu erhöhen, mache die Produktion unprofitabel.

Schwarzpeterspiel ist im Gang
Eon wollte die Naturgasanlage ursprünglich 2025 auf erneuerbare Energiequellen umstellen. Die Regierung weist den schwarzen Peter von sich. Man erhöhe keine Steuern, sondern schaffe bloss eine Subvention ab, so Energieminister Anders Ygeman. Die Energieproduzenten stünden in der Verantwortung, ihre Kunden mit der nötigen Elektrizität zu beliefern.

So uneinig sich die verschiedenen Akteure in der Schuldfrage sind, so einig sind sie sich darin, dass rasche Abhilfe nötig sei, um Flaschenhälse in der Versorgung und im schlimmsten Fall Blackouts zu vermeiden. Ein im Juni vorgestellter Expertenbericht empfiehlt einfachere und schnellere Konzessionsverfahren für regionale Stromnetze bei geringerer Einflussnahme der Gemeinden. Kommen Energieproduzenten und Landbesitzer überein, sollen neue Leitungen doppelt so schnell bewilligt und gebaut werden können. Zusätzliche kleinere Kraftwerke in Kundennähe sowie eine effizientere Nutzung der Energie sollen ebenfalls zur Entspannung der Situation beitragen; bisher gab es zum Beispiel keine Preisunter-schiede zwischen Tag- und Nachtstrom.
(Quelle: NZZ)

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