News

 

Neuigkeiten, Wissenswertes, Spannendes und Erhellendes kurz zusammengefasst.

 20.08.2019

Wind

Bald Flaute im Windgeschäft

Die Entwicklung der Windkraft ist weltweit von der Politik und dem Goodwill der Bevölkerung abhängig. Derzeit läufts gut, doch die Flaute zeichnet sich ab.

So flatterhaft wie der Wind ist auch das Geschäft mit der Windenergie. Weil die Branche nach wie vor zum grössten Teil dem politischen Gutdünken in den einzelnen Ländern unterworfen ist, fallen die kurzfristigen Schwankungen heftig aus. Das macht auch das Geschäft für Zulieferfirmen wie die Zürcher Gurit riskant, die für die Anlagenbauer Hochleistungswerkstoffe aus Verbundmaterial sowie die für die Herstellung der Turbinenblätter erforderlichen Formen herstellt. Derzeit profitieren sowohl die Hersteller wie auch die Zulieferer vom zyklischen Hoch. Dieses dürfte, wenn die Prognosen der Marktforschungsinstitute zutreffen, aber schon im nächsten Jahr seinen Zenit erreichen.

Rekordausbau
Der Zustand der Branche misst sich daran, wie viele neue Produktionskapazitäten jährlich neu geschaffen werden. In den Jahren 2011 bis 2013 bewegten sie sich um die 40 Gigawatt (GW). In den folgenden drei Jahren stieg das Niveau in Richtung 50 GW und hat im laufenden Jahr jetzt fast 70 GW erreicht. 2019 sollte ein Spitzenjahr, 2020 ein Rekordjahr werden. Gegenüber dem Vorjahr dürfte die Zahl dern euen Installationen um einen Viertel steigen, obwohl die Nummer eins im Markt, China, mit dem Bau von landgestützten («onshore») Anlagen im Umfang von knapp 19 GW fast 3 GW weniger installieren wird als noch im Vorjahr. Allein dieser Rückgang entspricht dem Doppelten dessen, was im laufenden Jahr in Deutschland neu errichtet wird.

Generell nimmt der Anteil der im Meer installierten Anlagen («offshore») zu. Hatten sie vor Jahren noch einen Anteil von unter 3%, entfallen nun mehr als 10% auf Offshore-Windparks. Diese erratische Entwicklung wird durch verschiedene Entwicklungen begünstigt. Generell fliesst viel Geld in den Ausbau von Kraftwerken mit erneuerbaren Energien (Photovoltaik, Wind, Biomasse usw.). Langfristige Prognosen gehen sogar davon aus, dass in 20 Jahren drei Viertel der gesamten globalen Investitionen in solche Kraftwerke fliessen werden. Gleichzeitig herrscht ein permanenter Preisdruck, der durch Effizienzsteigerungen wettgemacht werden muss.

Die Hersteller der Windkraftwerke stellen sich dem Gegenwind mit ständig grösseren Anlagen, d.h. die Rotorenblätter der Windkraftwerke werden länger und leistungsfähiger, in der Regel wachsen sie jedes Jahr um 3 Meter. Mittlerweile werden die grössten Anlagen mit 12 MW Leistung von über 100 Meter langen Turbinenblättern angetrieben. Im Schnitt mässen die derzeit produzierten Blätter rund 70 Meter, und die Anlagen leisteten 3,5 bis 4 MW, erklärte Gurit-Konzernchef Rudolf Hadorn bei der Veröffentlichung des Semesterresultats.

Politik gibt den Takt an
Die nun gegen 50 Tonnen schweren Formen erfordern neue Fertigungsmethoden. Solche Formen lassen sich zunehmend nur noch mit besonders kraftvollen hydraulischen Winden und einem automatisierten Herstellungsprozess bewältigen. Wenn neue Gelder in Form von Steuervergünstigungen und Investitionsanreizen gesprochen werden, explodiert jeweils die Nachfrage - am Anfang und kurz bevor sie auslaufen. In den USA ist das gut zu beobachten. Weil lange nicht absehbar war, ob der sogenannte Production Tax Credit (PTC) verlängert wird, verdoppelte sich der Zubau 2012 auf 13 GW, fiel dann aber im Folgejahr auf 1 GW. Dieses Jahr gehen in den USA wieder Windkraftwerke mit Leistungen von gut 11 GW und nächstes Jahr sogar von 13,5 GW ans Netz. Nicht nur die Kapazitäten von Gurit, sondern von allen Herstellern von Strukturschaumstoffen, Balsaholz und faserverstärkten Kunststoffen sind vollständig ausgelastet.

Knappheit herrscht zurzeit auch beim thermoplastischen Kunststoff Polyethylenterephthalat (PET), der im Windenergiebereich zunehmend das thermoplastische Polymer Polyvinylchlorid (PVC) wegen des umweltschädigenden Chlorids verdrängt. Nächstes Jahr werde Gurit für den Eigenbedarf rund 1 Milliarde PET-Flaschen benötigen, rechnete Hadorn vor. Ziel sei es, ausschliesslich wiederverwertetes PET zu verwenden. In Europa kommt das sogar günstiger als PVC. Deshalb hat Gurit diesen Frühling in Norditalien eine eigene Rezyklierfabrik gekauft und 30 Mitarbeiter von Valplastic übernommen. Die Investition wird damit gerechtfertigt, dass nur so die Qualität und Quantität an wiederverwerteten PET-Flocken und -Granulat gesichert werden könne, um die grossen Windturbinenhersteller mit dem nötigenMaterial zu versorgen

(Quelle: NZZ)

zurück