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 18.10.2019

Klimwandel

Aufruf zu Pro-AKW-Demos

Um den Klimawandel zu bremsen, brauche es die Kernkraft. Mit diesem Argument rufen AKW-Befürworter weltweit zu Demos auf - auch in der Schweiz.

Nach der Katastrophe von Fukushima schien klar: Die Kernkraft hat hierzulande keine Zukunft. Die Schweiz beschloss den Atomausstieg, die Kernkraftlobby ging auf Tauchstation. Doch nun wollen Befürworter weltweit wieder auf sich aufmerksam machen: In über 30 Städten rufen sie für dieses Wochenende zu Demonstrationen auf, darunter in Zürich. Es sei das erste Mal, dass eine weltweite Kundgebung für die Kernenergie stattfinde, schrieben die Organisatoren in einer Mitteilung.

Hinter der Aktion steckt die vergangenes Jahr gegründete «Nuclear Pride Coalition», eine internationale Allianz von Pro-Atom-Gruppen. Sie ist laut eigenen Angaben unabhängig von der Industrie. Der Name ist inspiriert von der Gay Pride, einem Begriff aus der Lesben- und Schwulenbewegung. Er signalisiert: Die Befürworter sind stolz, für die Atomkraft zu sein.

Neuen Auftrieb erhoffen sie sich von der Klimabewegung. Lukas Robers, der die Kundgebung in Zürich mitorganisiert, sagt: «Wir müssen alle möglichen CO2-armen Energiequellen nutzen, also die erneuerbaren und die Kernenergie. Sonst können wir den Klimawandel nicht bremsen.» Die Kernenergie verursache wenig CO2 und brauche vergleichsweise wenig Ressourcen, sagt Robers. Er ist Doktorand an der ETH und forscht zur Kernenergie. Die Kundgebung in Zürich organisiert er zusammen mit zwei weiteren Nuklearingenieuren. Sein Engagement habe er mit seinem Professor abgesprochen, sagt er.

Die «Nuclear Pride Coalition» verspricht Grosses: Nur Kernkraft könne «alle Menschen aus der Armut befreien und gleichzeitig die Umwelt schützen», schreibt sie auf der Website. Allerdings trägt die Kernenergie nur einen kleinen Teil zur weltweiten Stromproduktion bei: Elf Prozent sind es laut Swissnuclear, dem Branchenverband der AKW-Betreiber.

Die atomkritische Schweizerische Energiestiftung relativiert auch die Bedeutung der geplanten Kundgebung. Im Vergleich zur grossen Klimademo Ende September habe diese «kaum Relevanz», meint Simon Banholzer, Projektleiter Strom und Atom. Tatsächlich interessieren sich auf Facebook bisher nur gut hundert Leute dafür. Banholzer ist überzeugt: «Die Leute fordern nachhaltige und erneuerbare Lösungen, keine umweltschädigende und bedrohliche Atomkraftwerke.»

Robers verteidigt die Kernenergie. Die radioaktiven Abfälle sieht er nicht als Problem. «Wie entsorgt werden soll, ist grundsätzlich geregelt: Das technische Konzept für die Endlagerung liegt in der Schweiz seit Jahren vor.» Die Suche nach einem Standort habe man aus guten Gründen verlängert, um einen Konsens zu finden. Auch die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima sind für die Kernenergie-Befürworter kein Grund, darauf zu verzichten: Die Kernenergie sei viel sicherer als die fossilen Brennstoffe, argumentieren sie. Kohle- oder Gaskraftwerke verursachten durch die Luftverschmutzung viel mehr Todesfälle.

Plädieren die Organisatoren der Zürcher Demo auch für neue Kernkraftwerke in der Schweiz? Robers sagt: «Technisch gesehen fänden wir es sinnvoll. Es hängt aber sehr stark von den gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab.» Das Stimmvolk hat 2017 ein Bau-Verbot für AKW beschlossen. Dennoch forderte der Präsident des Nuklearforums, FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler, Anfang Jahr, man müsse ernsthaft über die Aufhebung des Verbots nachdenken.

Politisch ist dies derzeit allerdings chancenlos - und ein Neubau ein grosses finanzielles Risiko. Laut der Energiestiftung kann die erneuerbare Energie viel schneller und günstiger ausgebaut werden als die Atomkraft. Pikantes Detail am Rande: Die Medienmitteilung zur Demo verschickte Doktorand Robers von seiner ETH-Mailadresseaus. Die ETH distanziert sich auf Anfrage und übt leise Kritik: Es handle sich «nicht um eine Veranstaltung der ETH», hält die Medienstelle fest. Grundsätzlich begrüsse die ETH Zürich gesellschaftliches und politisches Engagement ihrer Angehörigen. «Allerdings sollten solch private Tätigkeiten als solche erkennbar sein.»
(Quelle: Aargauer Zeitung und weitere Medien)

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