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 02.11.2019

Deutschland

Wohin mit dem Windrad-Schrott?

Das deutsche Umweltbundesamt warnt vor hohen Kosten und Gefahren beim Recycling von Windturbinen. Das Thema wude bisher vernachlässigt.

Auf den ersten Weckruf hatte die Windkraftindustrie noch mit Beschwichtigungen reagiert. Es war Anfang vergangenen Jahres, als der führende Entsorgungskonzern Remondis öffentlich davor warnte, dass die Energiewende vor einem erheblichen Entsorgungsproblem stehe. «Wir stellen mit massiven Subventionen Windräder auf, aber niemand hat sich Gedanken darüber gemacht, was danach mit den Anlagen passiert; dass die eingesetzten Mittel zum Beispiel auch recyclingfähig sein müssen», erklärte damals Remondis Geschäftsführer Herwart Wilms. «Insbesondere bei den mit Glas- und Kohlenstofffasern verstärkten Kunststoffen für die Rotorblätter sei unter vernünftigen ökonomischen Bedingungen eine Aufbereitung kaum zu schaffen». Der Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE) winkte ab: Es gebe etablierte Recyclingverfahren für solche Verbundstoffe,  die ja auch im Auto- und Flugzeugbau Verwendung finden, erklärte Hermann Albers damals. «Die Sorge, künftig vor Bergen alter Rotorblätter zu stehen, sind mehr als unbegründet.»

Jetzt aber wird genau diese Sorge erneut laut - und durch ein wissenschaftliches Gutachten verstärkt. Ausgerechnet das Umweltbundesamt, erwiesenermassen kein Feind erneuerbarer Energien,  hat das Recyclingproblem in einer 250 Seiten starken Studie analysiert. Ergebnis: Für Entwarnung gibt es keinen Grund. Im Gegenteil. Laut der Studie fallen Tausende Tonnen Rotorblattschrott an, wenn in den nächsten Jahren immer mehr Windräder der ersten Generation das Ende ihrer 20- bis 30 jährigen Lebensdauer erreichen. Allein im Jahr 2021 sind es demnach mehr als 50.000 Tonnen sogenannte GFK Verbundwerkstoffe. Bis zum Jahr 2038 kann der Abfallberg in der Spitze auf mehr als 70.000 Tonnen pro Jahr ansteigen. Verbundwerkstoffe mit verklebten Glas- und Kohlenstofffasern seien bislang jedoch «schwer zu verwerten", warnt das Umweltbundesamt. In Deutschland gebe es lediglich eine einzige spezialisierte Verwertungsanlage für solche Abfälle.

Und damit nicht genug: Die Betreiber der Windkraftanlagen legen offenbar auch nicht genug Geld zurück, um Rückbau und Recycling ihrer Altanlagen finanzieren zu können. Laut Studie zeigt sich, dass vor allem ab Mitte der 2020er-Jahre «erhebliche Finanzierungslücken bevorstehen». Für das Jahr 2038 prognostiziert das Umweltbundesamt eine Lücke von 300 Millionen Euro.

Beide Befunde stellen eine zusätzliche Bedrohung für die ohnehin schon angeschlagene deutsche Windkraft dar. Die Anlagenhersteller leiden unter einem starken Einbruch der Auftragszahlen, weil immer mehr Projekte von Anwohnern oder Naturschützern beklagt werden. In der Folge ziehen sich die Genehmigungsverfahren für neue Windparks unkalkulierbar lange hin. Immer öfter kommt es in der einst erfolgsverwöhnten Branche zu Entlassungen und Betriebsschliessungen.

Beim «Windgipfel» im Bundeswirtschaftsministerium hatten die Hersteller vor wenigen Wochen deutlich gemacht, was aus ihrer Sicht zu tun ist: Weniger Bürokratie, weniger Artenschutz Auflagen und kürzere Klagewege. Doch jetzt fordert ausgerechnet das dem Bundesumweltministerium angeschlossene Umweltbundesamt das Gegenteil: Die Studie empfiehlt, die Berechnungsgrundlage für die Rücklagen zu überprüfen und die Rücklagen regelmässig von einem unabhängigen Sachverständigen prüfen zu lassen, ob sie noch dem Stand der Technik und den zu erwartenden Kosten entsprechen.

Eine Frage beantwortet die Studie dabei jedoch nicht: Wie teuer das sachgemässe Zerlegen der alten Rotorblätter wird, kann bis dato nur geschätzt werden. «Aufgrund ihrer hohen Energiedichte sind Carbonfasern nur unter extremen Bedingungen verbrennbar» ,heisst es in der Studie. Die elektrische Leitfähigkeit von CFK-Stäuben könne innerhalb der Verbrennungsanlagen zu Kurzschlüssen, Stromausfällen oder Bränden führen. Damit nicht genug: Zu vermuten sei, dass Carbonfasern unter Sauerstoffeinfluss ab einer Temperaturvon 650 Grad Celsius lungengängige Teilchen bilden, die nach Einatmung - ähnlich wie bei Asbestfasern - das Lungenkrebsrisiko erhöhen.

Aufgrund solcher Gesundheitsgefahren fordert die Studie auch strengere Regeln für den Windradabbau. Denn bislang werden alte Windräder oft recht hemdsärmelig per Kran oder Lkw umgerissen oder mit Sprengstoff zu Boden gebracht. Auch die Praxis, Tausende Tonnen Betonfundament nach dem Abriss einfach im Boden zu belassen, will das Umweltbundesamt nicht mehr hinnehmen: Die Fundamente sollten in Zukunft möglichst vollständig zurückgebaut werden. Das bislang eingesetzte Verfahren, Rotorblätter vor Ort kleinzusägen oder -flexen, sollte ebenfalls reguliert werden. Bei den Sägearbeiten vor Ort sollte die Staubbelastung für Mensch und Umwelt durch Einhausung sowie Auffangen von staubbelastetem Wasser minimiert werden.

Auf die ohnehin bedrängte Branche kommen damit vermutlich kostenträchtige Ökoauflagen zu, denn: «Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich keine hochwertige Recyclingmethode für CFK etablieren konnte», stellt das Umweltbundesamt fest. Die energetische Verwertung in einer Müllverbrennungsanlage ist aufgrund der potenziellen Entstehung problematischer Faserbruchstücke sowie der Problematik möglicher auftretender technischer Defekte innerhalb der Anlagen nicht möglich. Schließlich sei auch die mechanische Verwertung zu Füllstoffen im Strassenbau einerseitsunwirtschaftlich, andererseits sei die Nachfrage dafür bei prognostizierten steigenden Mengen an CFK-Abfall zu gering.
(Quelle: Die Welt)

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