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 15.11.2019

Gletscherschmelze

13 Prozent mehr Wasserkraft

Wo Gletscher wegschmelzen, könnten in Zukunft Stauseen entstehen. Forscher sehen grosses Potenzial für diese Vision.

Bis Ende des Jahrhunderts werden viele Gletscher nicht mehr da sein. Wenn das Eis zurückweicht, entstehen neue, unberührte Landschaften. Sollte man sie unter Schutz stellen? Oder könnten dort neue Stauseen entstehen, die dringend benötigte nicht-fossile Energie liefern?

Zu dieser Debatte kann ein Forschungsteam der ETH Zürich und der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) jetzt Zahlen liefern. Das Team um Daniel Farinotti berechnete das weltweite Speicher- und Wasserkraftpotenzial, das in Stauseen bei weggeschmolzenen Gletschern steckt. Die Glaziologen verwendeten ein globales Gletscherinventar. Sie fokussierten sich auf Gletschergebiete, die durch den Klimawandel bis Ende des Jahrhunderts mehr oder weniger eisfrei sein werden. Dort platzierten sie virtuell eine Staumauer am heutigen Ende jedes Gletschers. Die Standorte wählten sie so, dass nicht nur der wirtschaftliche Ertrag am grössten war, sondern auch negative Auswirkungen auf die Landschaft möglichst gering ausfielen.

13 Prozent mehr Wasserkraft
Für die insgesamt 185'000 Standorte berechneten die Forscher ein maximales, theoretisches Wasserkraftpotenzial von 1350 Terawattstunden pro Jahr. Das entspricht etwa einem Drittel der heutigen weltweiten Wasserkraftproduktion. Nach einer zusätzlichen Eignungsprüfung der Standorte reduzierte sich dieser Wert auf eine Schätzung von 533 Terawattstunden pro Jahr: Dies bedeutet, dass sich die heutige Energiegewinnung aus Wasserkraft um 13 Prozent steigern liesse. «Wir wollen keinen Goldrausch generieren angesichts des neuen Wasserkraftpotenzials, das durch schmelzende Gletscher entsteht», sagte Farinotti gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Studie solle nur Fakten liefern - keine Wertung, ob es gut oder schlecht wäre, eisfreie Gletschergebiete für Stauseen zu nutzen.

Spannender Ansatz
In Graubünden werden die Ergebnisse der Studie mit Interesse, aber auch mit Skepsis aufgenommen. «Grundsätzlich gibt das ein ganz neues Bild auf das Wasserkraft-Nutzungspotenzial, man muss es aber sicher sehr sorgfältig anschauen», sagt Mario Cavigelli, Vorsteher des Baudepartements. Eine Chance liege darin, die Wasserkraftnutzung mit anderen Nutzen kombinieren zu können, zum Beispiel mit Hochwasserschutz. «Wenn doppelter Nutzen zum Tragen kommt, erhält die Wasserkraft als Kombiprodukt natürlich ein höheres Gewicht», erläutert Regierungsrat Cavigelli. Ansonsten werden Landschafts- und Naturschutz wohl höher gewichtet als die Nutzung der Wasserkraft. «Der Ansatz der Studie ist aber spannend. Man muss ihn prüfen und in jedem Einzelfall eine Interessenabwägung machen.»

«Gletscherseen sind hochinteressant, da sie Hochwasserschutz-, Speicher- und Energiepotenzial haben», meint Michael Roth, Direktor der Engadiner Kraftwerke AG. Speicherseen, wie Albigna im Bergell, seien bereits früher in Gletschertälern gebaut worden, weil dort genügend Speichervolumen vorhanden war.«Gletscher-Stauseen könnten helfen, die Engpässe der Energieproduktion im Winter zu verringern», meint Roth. Es gehe langfristig ja nicht darum, Gletscherwasser zu verwenden, sondern den Jahreszufluss aus Regen und Schnee aufzufangen und für die Wasserkraft zu nutzen.

Bereits ein konkretes Beispiel
In Südbünden, wo bekannte Gletscher wie Morteratsch oder Roseg stehen, ist Repower das führende Energieversorgungsunternehmen. Das Thema Gletscher-Stauseen ist nichts Neues für das Unternehmen. Unter dem Palü-Gletscher gibt es den Lagh da Caralin. Der See entstand durch das stetige Schmelzen des Gletschers. «Im Rahmen des Pumpspeicherkraftwerks Lago Bianco möchte Repower diesen künftig für die Stromproduktionnutzen»,erklärt Repower- Mediensprecher Stefan Bisculm. Das Wasser würde abgeführt und in das System des Pumpspeicherkraftwerks integriert werden.

Durch das Abschmelzen der Gletscher wird Repower in den nächsten Jahren mehr Wasser für die Wasserkraft nutzen können. Sind die Gletscher aber einmal nicht mehr, fehlt auch das Wasser - und damit ein Teil der Produktionsmenge. «Uns wäre es lieber, wenn die Gletscher erhalten bleiben würden», meint Bisculm.

Lieber erhalten statt speichern
Glaziologe Felix Keller entwickelt derzeit zusammen mit der Fachhochschule Graubünden ein Verfahren, um Gletscher als Süsswasserspeicher für kommende Generationen zu erhalten. «Ich bin der Meinung, dass die Erhaltung der Gletscher die viel ökologischere Variante wäre», sagt er. Ein Gletschervorfeld sei bezüglich der Biodiversität eine ganz wertvolle Landschaft. «Solche Landschaften sollten wir unbedingt erhalten», so der Glaziologe. Ob Gletschererhaltung oder Stauseen, an dem Beispiel werde sichtbar, was uns der Klimawandel kostet. Und, was englische Ökonomen berechnet haben: «Der Schutz vor dem Klimawandel ist eine höchst rentable Investition.»
(Quelle: BündnerZeitung)

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