News

 

Neuigkeiten, Wissenswertes, Spannendes und Erhellendes kurz zusammengefasst.

 10.12.2019

Forschungsprogramm

Ohne Wasserkraft keine Energiewende

Mit Stauseen, wo sich Gletscher zurückziehen, kann die Wasserkraft den Atomstrom ersetzen - doch Zielkonflikte mit dem Umweltschutz bleiben.

Wenn es regnet, sagen die Schweizer Stromproduzenten: «Es kilowättelet.» Sie möchten gern jeden Tropfen, der vom Himmel fällt, in Strom verwandeln. Die Wasserkraft ist heute mit einem Anteil von fast 60 Prozent bei weitem die wichtigste Quelle von erneuerbarem Strom. Nach den Plänen der Energiestrategie 2050 soll sie um 4 bis 9 Prozent ausgebaut werden und damit einen Teil des Stroms ersetzen, der durch das altersbedingte Auslaufen der Kernkraftwerke wegfällt. Doch beim Ausbau der Wasserkraft herrschen viele Konflikte zwischen Stromproduktion und Landschaftsschutz sowie ökonomischen und regionalpolitischen Zielen. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Energie» (NFP 70 und 71) haben Wissenschafter die für die Wasserkraft relevanten technischen, sozioökonomischen, ökologischen und auch klimabedingten Entwicklungen untersucht.

Wasserzinse neu berechnen
«Die Schweizer Wasserkraft muss und kann auch im Spannungsfeld politischer, ökonomischer und ökologischer Interessen eine tragende Säule des Energiesystems bleiben», formuliert Tony Kaiser aus der Leitungsgruppe des Programms als zentrale Aussage. Die Zielkonflikte können auch die Forscher nicht lösen, aber immerhin gelangen sie im Synthesebericht «Wasserkraft und Markt» zu konkreten Empfehlungen an die Akteure in Politik, Wirtschaft und Interessenverbänden.

Neue Stauseen in den Rückzugszonen von Gletschern könnten die Stromproduktion in der Schweiz um rund drei Prozent erhöhen, stellt eine Untersuchung der ETH Zürich fest. Etwa die Hälfte davon könnte zur saisonalen Speicherung und damit zur Stromproduktion im Winter beitragen. Aus den grundsätzlich möglichen Standorten wurden sieben identifiziert, die sich am besten für neue Stauseen eignen. Deren theoretische Speicherkapazität beträgt 1,3 Terawattstunden; das entspricht 14 Prozent der heutigen Speicherkapazität. Mit Ausnahme des Triftgletschers lägen aber alle Standorte in geschützten Gebieten.

Die Potenziale sollten geprüftwerden, empfehlen die Forscher. Es liege jedoch bei der Politik, den Kompromiss zwischen Versorgungssicherheit sowie Umwelt- und Landschaftsschutz zu finden und Grundlagen für die Nutzung eines Teils der Potenziale zu schaffen. Eine weitere Empfehlung der Wissenschafter betrifft die Wasserzinse. Sie sind ein Entgelt an Kantone und Gemeinden und machen oft einen bedeutenden Teil der öffentlichen Einnahmen aus. Sie werden heute nach der installierten Bruttoleistung berechnet, unabhängig vom produzierten Strom und seinem Wert.

Variable Wasserzinse wären jedoch laut den Forschern marktgerechter als fixe Maximalwerte. «Es sollen deshalb flexible, ertragsabhängige Wasserzinse einge-führt werden, die gemäss den Prinzipien der Gewinn- und Verlustverteilung zwischen den Ressourceneigentümern und den Kraftwerksbetreibern gestaltet sind», empfehlen die Forscher. Damit stärken sie die Reformbestrebungen der Stromwirtschaft. Letztes Jahr war ein Anlauf für ein neues Modell politisch gescheitert, und im März hatte das Parlament beschlossen, das Wasserzinsmaximum bis 2024 unverändert zu lassen.

Biodiversität erhalten
Auch bei den Bestimmungen über die Restwassermengen reden die Wissenschafter den Politikern ins Gewissen. Um die Biodiversität in Bächen und Flüssen unterhalb von Stauanlagen zu erhalten, reiche es nicht, die Vorschriften nur moderat umzusetzen. Voraussetzung sei, eine natürliche Abflussdynamik zu erhalten, gelegentliche Hochwasser zuzulassen und ein Geschiebemanagement einzurichten. Erst kürzlich hatte das Parlament jedoch aufgrund eines Vorstosses von Albert Rösti (svp, Bern) einer Gesetzesänderung zugestimmt, wonach Kraftwerksbetreiber bei Neukonzessionierungen weniger Umweltauflagen erfüllen müssen als bisher. Neu soll nämlich nicht der Urzustand als Referenzgrösse für Wiederherstellungs- undErsatzmassnahmen gelten, sondern der Ist-Zustand bereits verbauter Gewässer. Die Forscher halten fest, dass so der naturnahe Zustand von Auenlandschaften und Restwasserstrecken nicht erhal-en werden könne
(Quelle: NZZ)

zurück