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 15.12.2019

KKW Mühleberg

Joss und Gasche im Gespräch

BKW-Verwaltungsratspräsident Urs Gasche und Atomkritiker Jürg Joss sitzen erstmals am gleichen Tisch - und blicken zurück auf die Aera Mühleberg.

Jahrzehntelang hat Jürg Joss für die Stilllegung des AKW Mühleberg gekämpft. Wenige Tage vor dem definitiven Abschalttermin sitzt er zum ersten Mal Urs Gasche gegenüber, dem Verwaltungsratspräsidenten der Betreiberin BKW. Gasche musste 2011 mitansehen, wie Joss' Mitstreiter nach der Atomkatastrophe von Fukushima vor dem Firmenhauptsitz campierten, um die Stilllegung zu erwirken. In die Begegnung mit seinem hartnäckigsten Kritiker willigte Gasche ein, sofern das Treffen nicht auf einer Wiese vor dem Kraftwerk inszeniert werde. Einen solchen Zirkus mache er nicht mit.

Und jetzt das: Die zwei sitzen im getäferten Säli des Restaurants Löwen in Gasches Wohnort Fraubrunnen beisammen, als wären sie alte Freunde. Rosarote Rosen und Weihnachtsdeko verbreiten harmonische Adventsstimmung, und so verläuft auch das Gespräch: Joss und Gasche bestätigen das alte Klischee, dass zwei Berner gar nicht richtig miteinander streiten können. Bevor es aber allzu kitschig wird, gibt Joss dem BKW-Chef dann doch noch einen Korb. Doch dazu später.

In wenigen Tagen geht das AKW Mühleberg vom Netz. Herr Joss, Sie haben Ihr Ziel erreicht!
Jürg Joss:
Alle erwarten von mir, dass ich jetzt juble. Aber für mich war es nie die Frage, wann Mühleberg, sondern wann das letzte AKW vom Netz geht. Ich will nicht erleben, dass in Europa so etwas passiert wie in Fukushima. Solange irgendwo Atomkraftwerke laufen, bleibt die Angst vor einem Unfall.

Hat die BKW einfach Glück gehabt?
Urs Gasche:
Ich bin allen Mitarbeitern des Werks unglaublich dankbar. Sie haben 47Jahre lang dafür gesorgt, dass es keine gröberen Störungen gab. Seien wir ehrlich: Ein Unfall ist nie ganz auszuschliessen. Als Betreiber hatten wir den Nachteil, dass wir nie sagen konnten, es gebe eine hundertprozentige Sicherheit. Die Gegner hingegen konnten die verrücktesten Szenarien entwerfen. Sie konnten ein Erdbeben der Stufe 11 annehmen, und wir konnten nicht widersprechen. Ich bin erleichtert, dass Mühleberg nun vom Netz geht: Die Last der Verantwortung war stets spürbar. Das fällt jetzt weg.

Urs Gasche spricht ohne Punkt und Komma über Fukushima, Erdbebenschutz und seine patriotische Ader. Der Mann mit dem runden Gesicht und der Polterstimme ist zwar überzeugt, dass die Kernkraft so weit beherrschbar ist, dass ein AKW mit der nötigen Sicherheitsmarge betrieben werden kann. Aber als Gasche nach Fukushima merkte, dass die Kernkraft politisch tot ist, hat er sich rasch angepasst - «dem muss man nicht nachtrauern» - und mit seiner BKW auf die Entwicklung der erneuerbaren Energien umgeschwenkt.

Joss ist in vielen Belangen das Gegenteil seines Gegenübers, spricht ruhig und mit leiser Stimme. Er war 23 Jahre alt, als er 1986 zum Atomgegner wurde. Der gelernte Elektromonteur arbeitete damals im AKW Leibstadt als Techniker und wurde bei einer Routine-Revision leicht verstrahlt. Erst nach mehrmaligem Duschen durfte er nach Hause. Joss besorgte sich Anti-AKW-Literatur und reichte schliesslich seine Kündigung ein. Das war der Beginn eines langjährigen Kampfes: Seither bombardiert er die BKW mit Studien über Risse im Kernmantel und die Festigkeit der Staumauer des nahen Wohlensees.


Herr Gasche, was war Herr Joss für die BKW? Eine Nervensäge?
Gasche: Nein. Seine Rolle war zwar manchmal lästig, aber unter dem Strich sicher nicht schädlich. Ich bin froh, dass es Leute wie ihn gibt. Wir haben hier in der Schweiz eine Kultur, in der alle mitreden können. Wenn Japan nicht so ein hierarchisches System hätte, hätte der Unfall in Fukushima nicht so dramatische Folgen gehabt. Hierzulande darf Herr Joss bellen, sooft er will. Diese Kritik macht wachsam. Sie hat das Kernkraftwerk Mühleberg letztlich sicherer gemacht.
Joss: In dieser Direktheit höre ich das heute zum ersten Mal.

Allerdings merkten die Aktivisten um Joss durchaus, dass ihre Kritik ernst genommen wurde. Einer ihrer grössten Triumphe war, als die BKW 1996 den Kernmantel des Reaktors mit Zugankern sichern musste. Diesem Schritt war jahrelanger Druck der Atomkritiker vorausgegangen. Ein zweiter Erfolg war, als die Atomgegner 2002 an einer Tagung die Frage stellten, wie unsicher ein AKW sein müsse, damit es abgeschaltet werde. Der Direktor des eidgenössischen Nuklearinspektorats Ensi gestand, man habe sich diese Frage so noch nie gestellt. Sechs Jahre später kam die Verordnung über die Ausserbetriebnahme von AKW. Sie regelt genau diese Frage.

Haben nicht gerade die Atomkritiker mit ihren Einsprachen bewirkt, dass das AKW Mühleberg überhaupt so lange laufen konnte?
Joss:
Ich glaube nicht. Ohne uns wäre rein gar nichts passiert. Wenn schon ein AKW, dann ein möglichst sicheres.
Gasche: Dass Kernkraftwerke möglichst sicher sein müssen, ist auch die Haltung der Betreiber. Ich anerkenne, dass die Aktivitäten der Kritiker mitgeholfen haben, die Sicherheit hoch zu halten. Hingegen kann ich nicht akzeptieren, dass man uns unterstellt, wir hätten ohne Kritik keine umfassenden und ständigen Verbesserungen vorgenommen.

Das AKW vor den Toren Berns hat beide Männer viele Stunden ihres Lebens gekostet. Gasche sagt, keine andere Produktionsanlage habe ihn mehr beschäftigt als Mühleberg. Joss sagt, er investiere im Schnitt drei Abende pro Woche in den Kampf gegen die Atomkraft, brüte oft bis spät in die Nacht über den Akten. Für seine Hobbys - Schach, Wandern und Schwimmen - bleibt da neben Beruf und Politik nur wenig Zeit. Mit der Abschaltung des AKW könnte sich das nun aber ändern.

Herr Joss, wird man Sie nun bald wieder öfter in den Bergen antreffen?
Joss:
Leider nein. Ich bin genauso dran wie vorher, nur mit neuem Fokus: Momentan studiere ich Akten zum Brandschutz von Gösgen.

Gasche weiss, welches Ringen auf die Betreiber von Gösgen zukommt. Er hat es selbst erlebt. Als die BKW im Oktober 2013 entschied, Mühleberg vom Netz zu nehmen, war das ein unternehmerischer Akt: Die Nachrüstungen hätten sich langfristig nicht gerechnet. Aber die Verantwortlichen wussten auch, dass sie sich damit aus der Schusslinie nahmen.


Gasche: Heute kann ich ja offen darüber sprechen: Es war für uns damals ein willkommener Nebeneffekt, dass wir keinen Zweifrontenkrieg mehr führen mussten - auf der einenSeite der Ausbau der Erneuerbaren, auf der anderen der Kampf gegen die Kernkraftgegner. Der Abschalt-Entscheid hat uns geistig frei gemacht, um uns voll auf die neue Strategie konzentrieren zu können.
Joss: Mit einer solchen BKW kann sogar ich mich versöhnen.

Höchste Zeit also, dass die BKW Herrn Joss anstellt.
Gasche: Vom technischen Know-how her hätte ich ihn schon lange eingestellt. Aber ich hätte Bedenken gehabt wegen der Loyalität.(Lacht.)

Zwar sagt Gasche, das Abschalten von Mühleberg sei keine emotionale Sache. Eine Produktionsstätte komme an ihr Lebensende. Punkt. Ein bisschen Wehmut schwingt dann aber doch mit, als er über das Ende des Atomzeitalters spricht: «Diese Zeit war die wohl glücklichste Phase in der Geschichte der Menschheit», sagt er, «zumindest in der westlichen Welt.» Nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs habe eine Ära des Überflusses und der Technologie-Euphorie begonnen. «Nicht nur die Atomkraft kam in den 1950er Jahren auf, sondern auch die Barbiepuppe», ergänzt Joss. Die Atomkraft, sind sich die beiden Männer einig, sei Symbol gewesen für diese Überfluss-Gesellschaft. Die Menschheit habe geglaubt, sie habe eine unerschöpfliche Energiequelle zur Hand. Und sich geirrt.

Am 20.12.2019 wird in Mühleberg erstmals ein Schweizer AKW vom Netz genommen. Hunderte von Ehrengästen werden der Abschaltung beiwohnen. Warum diese Inszenierung?
Gasche: Dieser Event war nicht unsere Idee. Wir hätten am liebsten ein Communiqué verschickt mit dem Hinweis: Wir haben gestern abgeschaltet. Aber es gab eine riesige Erwartungshaltung, und so haben wir halt diesen Anlass organisiert. Jetzt beschweren sich ein paar ehemalige Regierungsräte, weil sie nicht eingeladen sind. Es ist verrückt.
Joss: Wer nicht eingeladen ist, ist niemand.

Sind denn Sie eingeladen?
Joss:
Ja, aber ich komme nicht. Ist nicht persönlich gemeint, aber am gleichen Tag findet die letzte Mahnwache der AKW-Gegner vor dem BKW-Hauptgebäude in Bern statt. Aus Solidarität werde ich da hingehen. Sorry.
(Quelle: NZZ am Sonntag)

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