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 21.12.2019

Mühleberg

KKW abgestellt - Diskussion geht weiter

Die BKW setzt das Ende ihres Atomkraftwerks Mühleberg sehr prominent und geschickt in Szene. Befürworter und Gegner der Energiewende kämpfen derweil um die Interpretation der ersten AKW-Abschaltung.

250 geladene Gäste verfolgen im Festzelt am Bildschirm die AKW-Abschaltung. Im Schlüsselmoment pünktlichum 12.30 Uhr entstand dann doch noch kurz Unsicherheit.«Zwei, eins, null», zählte ein Operateur in der Kommandozentrale leise den Countdown. Dann drückte ein weiterer Operateur die zwei Knöpfe. Im Festzelt beim AKW Mühleberg, wo das Geschehen via Direktübertragung vom Fernsehen SRF verfolgt wurde, blieb es still. Wars das jetzt, fragten sich die rund 250 geladenen Gäste aus Politik und Wirtschaft. Erst nach einigen Sekunden folgte der Applaus. Auf diesen Moment hin hatte die BKW die Abschaltung inszeniert. Doch natürlich war es ein viel längerer Prozess. Technisch wurden per Knopfdruck die Steuerstäbe zwischen die Brennstäbe gefahren und so die Kettenreaktion gestoppt. Aber das Herunterfahren hatte bereits Tage zuvor begonnen und wird erst am Sonntag zu Ende sein.

Den Entscheid, das AKW abzuschalten, hatte die BKW schon vor sechs Jahren gefällt. Alles, was gestern in Mühleberg geschah, war absehbar. Am liebsten hätte man nur eine Pressemitteoling verschickt, das AKW sei jetzt abgeschaltet, hatte BKW-Präsident Urs Gasche im Vorfeld gesagt. Entschieden hat sich die BKW, wohl auch aufgrund des Erwartungsdrucks der Medien, dann für das Gegenteil: die ganz grosse Inszenierung.

Viele Botschaften der BKW
Das Festzelt war fast schon ein Palast - mit grosser Plexiglasfront, die freie Sicht aufs AKW bot. Der Weg zum Zelt war gesäumt von Feuerschalen, der Informationspavillon ein kleines, seriengefertigtes Holzchalet mit Solarzellen. Die Botschaft war dieselbe, welche die BKW in ihrer Werbekampagne mit Skistar Wendy Holdener vermittelt.  Unter dem Slogan «Gemeinsam umdenken, umschalten» positioniert sich die BKW als Unternehmen, das die Energie- und Klimawende ernst nimmt. Doch dies war nicht die einzige Botschaft: Es galt für die BKW auch, dem AKW, das ihr zumindest im grössten Teil seiner 47 Betriebsjahre Gewinn beschert hatte, die Reverenz zu erweisen - und vor allem dem Betriebspersonal, das nun das Werk zurückbauen wird. Nicht zuletzt auch der Standortgemeinde Mühleberg, deren Bevölkerung neben dem AKW gelebt hat und nun die damit verbundenen Steuereinnahmen verlieren wird.

Die Gäste am Stammtisch des Gasthofs Traube in Mühleberg nehmen aber auch die Abschaltung gelassen. «Wir verstehen die Aufregung nicht», sagt einer. Am Abend veranstaltete die BKW im palastartigen Zelt ein Fest für die lokale Bevölkerung. Jenes für die AKW-Angestellten wird heute Abend stattfinden. Die Gratwanderung zwischen ihren unterschiedlichen Botschaften ist der BKW erstaunlich gut geglückt. Ebenso jene zwischen der Ernsthaftigkeit des Anlasses und einem gewissen Augenzwinkern, mit dem die BKW in ihrem Personalrestaurant «Stillgelegtes Kalbsragout» und «MSC Fisch-Brennstäbli» anbot - und den geladenen Gästen ein Lebkuchen-AKW zum Verzehr.

Nun geht es um Beznau
Bei der Einladung zum Festakt hat die BKW Grösse gezeigt und auch viele Kritiker ihres AKW eingeladen - wie auch jene, die es verteidigten, sowie die Konkurrenten auf dem Strommarkt, die ihre AKW noch möglichst lange betreiben wollen. Das führte durchaus zu überraschenden Begegnungen. So philosophierte Grünen-Präsidentin Regula Rytz mit dem Gemeindepräsidenten von Mühleberg, Rene Maire, über Nachhaltigkeit.

Vor allem aber nutzten Befürworter und Gegner der Energiewende den Anlass, um die Deutungshoheit über die AKW-Abschaltung zu erlangen. FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen warnte vor zunehmender Auslandabhängigkeit und attackierte die Grünen, «die sich sofort an einen Baum ketten, wenn er in der Nähe eines Wasserkraftprojekts steht». Im hinteren Teil des Festzelts erntete er dafür Szenenapplaus.

Die andere Seite nahm die noch älteren zwei AKW in Beznau ins Visier. «Mühleberg wird abgestellt, Beznau muss folgen», forderte etwa SP- Nationalrätin Nadine Masshardt. Dieselbe Forderung wurde vor dem Hauptsitz der BKW in Bern erhoben, wo rund 80 Personen die Abschaltung an der 426. und letzten Mahnwache gegen Mühleberg feierten. Die Feier der AKW-Gegner setzte sich am Abend mit dem «Nachglühfest» in der Grossen Halle der Reitschule fort. Mit Nachglühwein und Löschwasser wurde auf das Ende von Mühleberg angestossen. Auf der Bühne waren auch Urgesteine der Anti-AKW-Bewegung: das Basler Sicherheitsorchester, seit 37Jahren an fast jeder Demo dabei. «Wir sind sicherer als jedes AKW, wir explodieren nicht, wir sind nicht radioaktiv, wir machen einfach nur Musik für euch», riefen sie von der Bühne.

Stromkonzern im Wandel
Die BKW selber hat sich gestern mit der Abschaltung gut in Szene gesetzt. «Wir sind ein ande-res Unternehmen als vor sechs Jahren», sagte BKW-Chefin Suzanne Thoma. Tatsächlich hat die BKW sich mit ihren Firmenzukäufen auch zu einem Player in der Dienstleistungsbranche entwickelt. Der Entscheid, das AKW Mühleberg abzuschalten, war aber ein rein unternehmerischer Entscheid, wie BKW-Präsident Gasche gestern erneut betonte. Allerdings: Es war eine nicht zu unterschätzende Leistung der BKW-Führung unter Thoma und Gasche, dass sie überhaupt einmal nüchtern rechnete, ob der AKW-Betrieb sich noch lohnt. Nachdem die BKW ihr AKW solange gegen seine Gegner verteidigt hatte, war dies nicht selbstverständlich. Zudem ist der AKW-Rückbau eine Herausforderung, die man sich erst zutrauen musste. «Es ist für die BKW das grösste Projekt seit dem Bau des Kernkraftwerks vor fünfzig Jahren», sagte Thoma. Nach der Abschaltung produziert die BKW ein Viertel weniger Strom - und im Durchschnitt nachhaltiger. Das Unternehmensziel, zu drei Viertel erneuerbaren Strom anzubieten, hat sie mit dem Ende des AKW schon fast erreicht. Die BKW bleibt aber am deutschen Kohlekraftwerk Wilhelmshaven und auch am AKW Leibstadt beteiligt. Über diese Beteiligungen werde die BKW ebenso aus wirtschaftlicher Sicht entscheiden wie über Mühleberg, sagte Thoma im «Bund»-Interview. «Es geht mir gegen den Strich, eine Beteiligung nur aus Imagegründen zu verkaufen.»
(Quelle: Der Bund)

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